Das politische Kabarett kehrte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück, als die Gesellschaft wieder lernte, zu lachen und das Erlebte zu verarbeiten. In Filmen und auf der Bühne kommentierten diese Schauspieler das Wirtschaftswunder, die Politik Adenauers und die Nachkriegsveränderungen, während populäre Lieder und Chansons zu einem wichtigen Bestandteil des neuen kulturellen Lebens wurden. Mehr dazu auf berlintrend.eu.
Unter diesen Einrichtungen stachen besonders „Die Stachelschweine“ hervor – das älteste Kabarett in Berlin und eines der ältesten in ganz Deutschland. Nach dem Krieg erlebte es eine wahre Blütezeit und blieb über Jahrzehnte hinweg eine deutliche Stimme der deutschen Satire. Es hielt sich bis ins 21. Jahrhundert und empfängt nach dem Prinzip „neue Mitglieder – neue Programme“ weiterhin aktiv Besucher.
Wie „Die Stachelschweine“ entstanden

Der Name des Kabaretts geht auf die populäre Zeitschrift der 1920er Jahre „Das Stachelschwein“ zurück, die vom bekannten Schauspieler Hans Reimann herausgegeben wurde. Von Anfang an war es ein politisches Kabarett – rebellisch, kritisch und gleichzeitig unterhaltsam, mit viel Musik, als Plattform für gesellschaftspolitischen Ausdruck. Das erste Ensemble, das 1949 gegründet wurde, bestand aus Günter Pfitzmann, Horst Gabriel sowie drei talentierten Frauen: Traudel Dombach, Dorle Hintze und Ilse Markgraf. Sie waren es, die den legendären Namen annahmen und ihre Auftritte im bekannten Jazzkeller „Badewanne“ begannen, der ihre erste kreative Heimat wurde.
Die Premiere des Programms fand am 29. Oktober 1949 statt. Die Show unter dem Titel „Alles irrsinnig komisch“ war gespickt mit Tanzpausen und Musiknummern, um das Publikum zu fesseln und nicht gleichgültig zu lassen. Für die Schauspieler war dies keine leichte Aufgabe, denn das Publikum wollte nicht nur zuhören, sondern auch tanzen. Obwohl die Mitglieder der Gruppe ihre Mühen mit symbolischen 2,50 Mark und Freibier bewerteten, arbeiteten alle gewissenhaft. Das Leitmotiv des Kabaretts wurde die scharfe politische Satire. Nach Worten eines der Programmautoren, Rolf Ulrich, kamen sie aus dem Krieg und wollten nicht, dass der Nationalsozialismus erneut siegt und dass jemals wieder jemand zur Waffe greift. Dies wurde zur Hauptstoßrichtung ihrer Satire.
Der Beginn der Geschichte
Die Texte für die Programme schrieben Rolf Ulrich und Dieter Koch, auch bekannt als Thierry. Sie schlugen auch den Namen „Die Stachelschweine“ vor. Regisseur der ersten Inszenierung war Alexander Welbat, die Musik komponierte Theo Goldberg. Das Bühnenbild entwarf Gerhard Rose. Die Vorstellungen fanden wöchentlich dienstags und freitags statt, manchmal kamen auch die Mittwoche hinzu. Die Show „Alles irrsinnig komisch“ lief bis Ende 1949 und feierte große Erfolge bei den Berlinern.
Das nächste Programm brachte Erneuerungen sowohl in den Texten als auch in der Besetzung. Im Januar 1950 verstärkten Inge Wolfberg und Heinz May das Ensemble. Als im Februar desselben Jahres Streitigkeiten mit dem „Malerkabarett“ entstanden, das ebenfalls in der „Badewanne“ auftrat, bot die Leitung der Firma „Femina“ den „Stachelschweinen“ einen neuen Ort an. Dies war das Restaurant „Burgkeller“ am Kurfürstendamm.
Lachen, Musik und Berlin

Nach einer umfassenden Renovierung eröffnete das Restaurant Ende März bereits mit dem dritten Programm der „Stachelschweine“. Als es zum vierten Programm kam, schlossen sich der Schauspieler und Autor Jo Herbst sowie die Schauspielerin Christiane Maybach der Gruppe an. Um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen, wurde als Eintritt eine symbolische Gebühr in Form eines einzelnen Knopfes verlangt, unabhängig davon, woher er stammte: von einer Weste, einem Mantel oder einem Hemd. Manchmal defilierte die Truppe in Schlafanzügen über den Kurfürstendamm, um die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner auf das Theater zu lenken, wodurch sie Kosten für Zeitungswerbung sparten.
In den 1950er Jahren führten „Die Stachelschweine“ scharfe Satire, lustige Sketche und Lieder in ihre Programme ein, die das Leben in West-Berlin kommentierten. Jede neue Show wurde zu einer Art Spiegel der Zeit: Die Schauspieler sprachen mutig über Politik, soziale Probleme und die Absurdität der Bürokratie. Die Vorstellungen unterhielten und regten gleichzeitig zum Nachdenken an, was die Stadtbewohner anzog. Obwohl sich die Besetzung des Kollektivs ständig änderte, blieb sein Geist unerschütterlich. Es kamen neue Schauspieler und Musiker, die halfen, Lieder und Chanson-Nummern zu kreieren. Die Kellerbühne und die intime Atmosphäre machten jeden Auftritt zu etwas Besonderem: Die Zuschauer fühlten sich als Teil des Geschehens.
Die Aufführungen waren fröhlich, lebhaft und ein wenig provokant, mit scharfem sozialem und politischem Unterton. Die Programme der 1950er Jahre festigten den Ruf der „Stachelschweine“ als ein Kabarett, das es versteht, Unterhaltung mit aktuellen Themen zu verbinden. Die Popularität der Einrichtung und die Zahl der Anhänger wuchsen stetig; satirische Szenen und politische Witze schufen jene unverwechselbare Atmosphäre, die „Die Stachelschweine“ zur Legende Berlins machte.
Bedeutende Jubiläen

Die Mitglieder der Gruppe und ihre Fans vergaßen auch wichtige Daten nicht. Zum 55-jährigen Bestehen kreierten „Die Stachelschweine“ ein spezielles Programm unter dem Titel „Besetzt“, dessen Premiere am 13. März 2005 stattfand. Neue Schauspieler führten aktualisierte Versionen alter Lieblingsszenen auf, die zuvor beim Publikum beliebt waren. Das 60-jährige Jubiläum feierte die Gruppe mit der Premiere des Programms „Völlig verspielt“. Das 70-jährige Jubiläum im Oktober 2019 beging das Team bereits im Europa-Center mit der Premiere des politischen Kabaretts „Viel Tunnel am Ende des Lichts“. Zum nächsten Jubiläum im Herbst 2024 präsentierten die Teilnehmer den Besuchern das Stück „Ich hab‘ noch einen Tesla in Berlin“.
Chansons und Rhythmen Berlins

Im Jahr 2019 wurde das Theater unter der Leitung des Berliner Kabarettisten Frank Lüdecke und seiner Frau Karolina Lüdecke vollständig renoviert. Das Foyer wurde vom renommierten Designbüro „Studio Aisslinger“ neu gestaltet, wodurch ein moderner und gemütlicher Raum entstand. Jedes Jahr präsentieren „Die Stachelschweine“ neue Premieren, und jedes Jahr steht unter einem eigenen Motto. Das erste Motto „Alles irrsinnig komisch“ erschien bereits 1949, und seither hält diese Tradition an. Am meisten in Erinnerung blieb den Stadtbewohnern das Programm des neuen Kollektivs aus dem Jahr 2020, das während der Corona-Pandemie entstand – „Woanders besser als nirgendwo. Reload“.
Im Theater treten oft berühmte Gäste auf – beliebte Schauspieler und Musiker, die das Repertoire vielfältiger machen. Im politischen Kabarett Berlins ist es sehr gemütlich; nach der Renovierung fasst das Theater über 300 Zuschauer. Man kann zwischen roten Klappstühlen oder Tischen im Saal wählen, die Teilnehmer schaffen stets eine warme und intime Atmosphäre für jede Show. Aufführungen, Konzerte, Poetry Slams und Lesungen haben „Die Stachelschweine“ allmählich in ein kraftvolles Zentrum des kulturellen Lebens in Berlin verwandelt.
Bewahrte kreative Magie

Das politische Kabarett war schon immer ein wichtiger Bestandteil des Lebens der Hauptstadt. Dort wurde nicht nur unterhalten, sondern den Menschen auch die Möglichkeit gegeben, über Politik zu lachen, über gesellschaftliche Probleme nachzudenken und aktuelle Ereignisse zu diskutieren. „Die Stachelschweine“ wurden zum Symbol dieses Genres: Ihre Szenen brachten zum Lachen, provozierten und zwangen gleichzeitig zum Nachdenken. Musik, Witze und das Ensemblespiel machten die Vorstellungen lebendig und verständlich für Zuschauer jeden Alters. Dank dessen vereint das Kabarett weiterhin die Teilnehmer und schafft auch im 21. Jahrhundert ein Gefühl der Gemeinschaft.
Während dieses Kabarett nach dem Zweiten Weltkrieg die Schwierigkeiten des Nachkriegslebens, den Kampf mit der Nazi-Vergangenheit und die täglichen Nöte aufzeigte, sprechen die modernen „Stachelschweine“ über die Welt, Medien und globale Probleme. Gemeinsam bleibt diesen Kabaretts verschiedener Jahrhunderte das Lachen, die Musik und die scharfe Satire, während der Unterschied in den Themen und der Art der Darbietung liegt. Moderne Aufführungen zeichnen sich durch Interaktivität, zeitgenössische Themen und neue Formen aus, aber der Geist des Teams der „Stachelschweine“ bleibt unverändert. Und das zieht Anhänger des politischen Kabaretts nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa besonders an.
Quellen:





