Im 20. Jahrhundert erlebte Berlin unzählige Filmteams, die versuchten, das Drama einer vergangenen Epoche nachzustellen. Doch unter allen in der deutschen Hauptstadt gedrehten Filmen nimmt das Filmepos „Befreiung“ („Oswoboschdenije“) einen besonderen Platz ein – ein Großprojekt, das nicht nur die Geschichte des Zweiten Weltkriegs erzählen, sondern auch jenen eine Stimme zurückgeben sollte, die den Sieg errungen hatten. Die Arbeit begann als kreative Antwort auf den Westen, wo in Filmen „der Beitrag der UdSSR zur Zerschlagung des Nationalsozialismus immer häufiger heruntergespielt wurde“. Genau Berlin, gezeichnet vom Krieg und der Erinnerung, wurde zum idealen Ort, um zwei Episoden dieser großen Erzählung zu verfilmen. Weiter auf berlintrend.eu.
Ein Epos, geboren aus der Erinnerung

Ursprünglich sollte das Projekt „Befreiung Europas“ heißen und aus drei Filmen bestehen: „Europa-43“, „Europa-44“ und „Europa-45“. Der Regisseur und ehemalige Frontsoldat Juri Oserow betonte, dass er es als seine Pflicht ansah, den Ereignissen ihre Wahrhaftigkeit und ihren Umfang zurückzugeben. „Befreiung“ wurde als eine kinematografische Antwort der Erinnerung geschaffen. Das Kreativteam bestand aus Menschen, für die der Krieg kein abstraktes Thema, sondern eine durchlebte Realität war. Die meisten von ihnen hatten die Fronten des Zweiten Weltkriegs durchlaufen: Der ehemalige Offizier und Kameramann Igor Slabnewitsch, der Kampfszenen dort filmte, wo einst sein eigener Panzer brannte, die Drehbuchautoren Juri Bondarew und Oskar Kurganow, der Künstler Alexander Mjagkow – sie alle kannten den Preis des Krieges nicht nur aus Büchern.
Während der Dreharbeiten zu den Berliner Szenen schlossen sich Generäle und Marschälle an die Arbeit an, die an den Kämpfen von 1945 beteiligt waren. Genau ihre Erinnerungen halfen, den Sturm auf den Reichstag mit maximaler Präzision nachzustellen. Der Ausarbeitung des Drehbuchs ging eine titanische Arbeit voraus: Die Autoren arbeiteten mit Dokumenten des Zentralen Militärarchivs und des Militärhistorischen Instituts der DDR, konsultierten General Sergei Schtemenko, die Marschälle Iwan Konew und Kirill Moskalenko. Besonders fruchtbar waren die stundenlangen Treffen von Juri Oserow mit Marschall Georgi Schukow, der die Materialien aufmerksam studierte und wertvolle Anmerkungen machte.
Darüber, wie die Stadt zur Kulisse wurde

Berlin verwandelte sich für die Filmcrew in ein riesiges Freilichtstudio. Im Ostsektor, auf der Fischerinsel, wurden Stadtviertel rekonstruiert; alte, zum Abriss bestimmte Gebäude boten die Möglichkeit, großflächige Kampfszenen zu inszenieren. Im Tierpark Friedrichsfelde wurden die Sturm-Episoden gedreht – jene, die eine Kombination aus Explosionen, Technik und Massenszenen erforderten. Die Berliner Landschaft half dabei, die Atmosphäre der letzten Kriegstage einzufangen und dem Film einen authentischen Klang zu verleihen.
Das grandiose Epos erforderte nicht nur kreative Anstrengungen, sondern auch eine kolossale materielle Basis. Es musste Kriegstechnik beschafft werden: T-34-Panzer, „Yaks“, „Lawotschkins“, Geschütze, Lastwagen. Sowjetische Fahrzeuge konnten noch in Lagern aufgestöbert werden, doch die deutsche Technik wurde zu einer echten Herausforderung. Daher bestellte „Mosfilm“ in einem der Werke Modelle deutscher Panzer – präzise Kopien, die für Kampfszenen geeignet waren.
Die Herausforderung der Glaubwürdigkeit

Eines der größten finanziellen Probleme bei der Schaffung des Epos waren die Kostüme und die Bewaffnung, da Oserow absolute Genauigkeit verlangte. Zur Bequemlichkeit der Schauspieler wurden Helme aus Kunststoff in der Hilfsproduktion von „Mosfilm“ hergestellt; dort wurden auch die deutschen Orden gefertigt. Die sowjetischen Uniformen stammten aus Lagern, wo sie noch aus den Kriegsjahren lagen, und bewahrten nicht nur den Schnitt, sondern auch den Geist der Epoche.
Die Kinodialogie „Die Schlacht um Berlin“ und „Der letzte Sturm“ wurde zum Höhepunkt des gesamten Zyklus, obwohl sie ursprünglich als ein einziger großer Film geplant war, der rein aus produktionstechnischen Überlegungen geteilt wurde. Maximale Authentizität blieb die Hauptanforderung: Berlin wurde im echten Berlin gedreht, Warschau in Warschau, die Krim-Konferenz in Liwadija. Der Regisseur erhielt die Erlaubnis, Kämpfe inmitten der Ruinen der deutschen Hauptstadt zu filmen – jenen, die noch aus dem April 1945 stammten und zum Abriss vorbereitet wurden. Der Magistrat erlaubte die Arbeit in Straßen, in denen einst die letzten Schüsse des Krieges hallten: in der Nähe der Spree, in U-Bahn-Tunneln, unweit des Reichstags.
Der Effekt der Präsenz

Eine der schwierigsten Episoden – die Überflutung der Berliner U-Bahn – erforderte eine gesonderte ingenieurtechnische Vorbereitung. Ein Teil der Szene wurde in Berlin selbst gedreht, aber die eigentliche Überflutung wurde an der Schleuse Nr. 11 in Pererwinka bei Moskau nachgestellt. Zuerst wurde sie gereinigt, dann wurde nach Skizzen des Künstlers Alexander Mjagkow der U-Bahnhof „Kaiserhof“ nachgebaut: Es wurden Gleise verlegt, eine Kanone aufgestellt und ein echter Berliner U-Bahn-Wagen aus den 1940er Jahren hineingefahren. Sogar NS-Plakate und ein Schokoladenautomat wurden platziert. Als das Schleusentor gehoben wurde, stürzte eine neun Meter hohe Wasserwelle auf den improvisierten Bahnhof und erzeugte eine Aufnahme, die im Studio unmöglich gewesen wäre.
Kameramann Igor Slabnewitsch erinnerte sich, dass während der Dreharbeiten in Berlin der Platzmangel und die widersprüchliche Kombination aus alter und neuer Stadt die Arbeit extrem erschwerten. Manchmal musste der richtige Blickwinkel stundenlang gesucht werden. Oserow erzählte später, dass er versuchte, genau dort zu filmen, wo im April 1945 die letzten Verteidigungslinien verliefen. Dies verlieh den Szenen eine besondere Wucht, die keine Kulisse hätte nachbilden können.
Schauspieler, die Geschichte spielten

Das Epos handelte jedoch nicht nur von historischen Persönlichkeiten. Neben ihnen lebten in dem Film auch **fiktive Charaktere** – Träger der Stimmung der Zeit, menschlichen Schmerzes, der Hoffnungen und Verluste. Alle Rollen ausländischer Helden wurden von Schauspielern aus verschiedenen Ländern verkörpert. In den polnischen Episoden spielten Barbara Brylska, Daniel Olbrychski und Władysław Gliński mit. Die Figur Mussolinis verkörperte der Italiener Ivo Garrani, und die deutschen Charaktere wurden hauptsächlich von Schauspielern aus der DDR und Österreich dargestellt.
Besonders erwähnenswert ist Fritz Diez – ein Schauspieler des DEFA-Studios, der bereits vor dem Film „Befreiung“ zweimal Hitler gespielt hatte. Bei der Arbeit an der Figur des Führers strebte Oserow eine maximale Übereinstimmung an und wählte daher genau diesen Theaterschaffenden. Diez als überzeugter Antifaschist fürchtete, zum Träger einer einzigen Rolle zu werden, und weigerte sich lange Zeit, zur Figur des NS-Führers zurückzukehren. Ihn zu überzeugen, gelang nur mit großen Schwierigkeiten. Trotzdem stimmte Diez zu und arbeitete später sogar mit Oserow an neuen Projekten weiter. Seine präzise, zurückhaltende, psychologisch eindringliche Art machte Fritz Diez zu einem der überzeugendsten Darsteller der Hitler-Rolle im 20. Jahrhundert. Neben ihm arbeiteten andere DDR-Schauspieler: Peter Sturm (richtiger Name Josef Michel Dischel) in der Rolle des Feldmarschalls Model, Angelika Waller als Eva Braun, Horst Giese als Joseph Goebbels.
Berlin aus den Augen deutscher Schauspieler

Peter Sturm erinnerte sich, dass die Arbeit an dem Film für ihn „ein Eintauchen in die Geschichte“ war – nicht nur Schauspielerei, sondern auch unmittelbares Erleben der Kriegsatmosphäre. Besonders beeindruckten ihn die Szenen am Reichstag und die Tage, die in den realen Berliner Ruinen verbracht wurden. Seiner Aussage nach schien es manchmal allen, als sei das Filmteam in die letzten Wochen des Jahres 1945 zurückgekehrt. Angelika Waller erzählte Journalisten ebenfalls davon, wie die echten Vorkriegsgebäude, die Kälte und die harten Drehbedingungen dem Prozess eine nahezu dokumentarische Schärfe verliehen, was die Schauspieler zwang, ihre Rollen nicht zu spielen, sondern zu durchleben.
Zusammen mit ihnen arbeiteten Hans-Dieter Drexler, Wolfgang Krause, Günther Schneider und Anke Clemens an dem Film. Besonders blieb ihnen die strenge Disziplin in Erinnerung, die Regisseur Juri Oserow aufrechterhielt. Er verlangte, dass jedes Detail – vom Aussehen der Orden bis zur Bewegungsart unter Beschuss – historisch präzise war. Die Frontsoldaten-Konsultanten halfen den Schauspielern sehr, indem sie ihnen beibrachten, Waffen richtig zu halten, sich in Kampfszenen zu bewegen und ihre eigene Rolle in der Gesamtkomposition des Bildes zu spüren. Die Arbeit inmitten der realen Ruinen Berlins, der kalte Wind und die schwierigen Massenszenen machten den Prozess anstrengend, schenkten den Schauspielern aber das Gefühl einer Reise mit der Zeitmaschine.
Der Film, der der Stadt die Erinnerung zurückgab

Die finalen Teile des Epos wurden erstmals 1972 beim Allunions-Filmfestival in Tiflis gezeigt, wo sie den Hauptpreis erhielten. Die feierlichen Premieren von „Befreiung“ fanden in 115 Ländern weltweit statt, und das Interesse an dem Film wuchs mit unglaublicher Geschwindigkeit. Allein im ersten Jahr des Kinoverleihs sahen ihn etwa 400 Millionen Zuschauer – eine Zahl, die das Ausmaß und den Einfluss dieses Filmepos weit über die Grenzen der UdSSR hinaus bestätigte.
Für Berlin selbst wurde der Entstehungsprozess des Films „Befreiung“ nicht nur zu einem Drehort, sondern auch zu einer Art Rückkehr zur eigenen historischen Erinnerung. In einer Zeit, in der die Stadt noch aktiv wiederaufgebaut wurde und die Spuren der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs beseitigte, hielt Oserows Epos fest, was für immer hätte verschwinden können: Gebäude, Viertel und ganze Straßen, die einst Schauplatz der letzten Kämpfe waren. Die Dreharbeiten erweckten die tragischen und entscheidenden Momente von 1945 zum Leben und erinnerten die Bewohner an den Preis des Friedens und das Ausmaß der erlittenen Tragödie. Dank dieses Films erhielt Berlin nicht nur eine künstlerische Wiedergabe der Vergangenheit, sondern auch eine einzigartige Filmchronik seiner eigenen Wunden, bewahrt für nachfolgende Generationen.
Quellen:





