Deutschland hat der Weltmusik zahlreiche Namen geschenkt, die den Sound ihrer Epoche geprägt haben. Kraftwerk, Tangerine Dream, Can und andere deutsche Bands beeinflussten Rock, Elektronik und Popmusik weit über die Landesgrenzen hinaus. Doch einen ganz besonderen Platz in dieser Geschichte nimmt ein Musiker ein, der selbst Brite war und bereits als gefeierter Rockstar nach Deutschland kam. Mehr dazu auf berlintrend.
David Bowie verbrachte nur wenige Jahre in West-Berlin, doch das reichte aus, um die Stadt zu einem festen Bestandteil seiner Musikgeschichte zu machen. In den Hansa-Studios, die nur wenige hundert Meter von der Berliner Mauer entfernt lagen, nahm er Musik auf, die zu einer der wichtigsten Phasen seiner Karriere werden sollte. Mit Berlin verbindet man vor allem „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ – drei Alben, die später als Berlin-Trilogie Berühmtheit erlangten.
Warum ging Bowie ausgerechnet nach West-Berlin?

Im Spätsommer 1976 kam David Bowie nach West-Berlin. Er verließ Los Angeles in einem Zustand völliger Erschöpfung nach den Dreharbeiten zu Nicolas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man Who Fell to Earth) und den Aufnahmen zum Album „Station to Station“. Kokainsucht, chronische Schlaflosigkeit, Paranoia und obsessive okkulte Gedanken hatten den Musiker an den Rand des physischen Zusammenbruchs und suizidaler Gedanken getrieben. Zusammen mit Bowie reiste Iggy Pop nach Berlin – der ehemalige Frontmann von The Stooges, der ebenfalls mit einer Heroinabhängigkeit und der Auflösung seiner Band zu kämpfen hatte.
Das West-Berlin der Mitte der 1970er-Jahre zog zahlreiche Künstler und Studenten an, weshalb Bowie sich für diese Stadt entschied. Ihn lockten die Anonymität und das kulturelle Leben, wo er:
- Kraftwerk, Neu! und Tangerine Dream hörte;
- sich für den deutschen Expressionismus begeisterte;
- mit der Malerei begann.
In Berlin besuchte er regelmäßig das Brücke-Museum und studierte dort die Werke von Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel.
Die Wohnung in der Hauptstraße

Bowies Assistentin Coco Schwab fand für ihn eine bescheidene Wohnung im Erdgeschoss eines Hauses in der Hauptstraße 155 im Stadtteil Schöneberg. Es war ein Arbeiterviertel mit einer großen türkischen Gemeinde – im Rahmen des Anwerbeabkommens waren über zwei Jahrzehnte hinweg mehr als 650.000 türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen.
Zunächst lebte Bowie dort zusammen mit Iggy, bis dieser in eine kleinere Wohnung im selben Gebäude zog. Sie fuhren mit dem Fahrrad ins Studio, tranken lokales Bier, streiften durch die Stadt und besuchten Travestie-Bars sowie Clubs wie das Dschungel und das Unlimited. Die ersten Wochen verliefen nicht ohne Zwischenfälle: Einmal rammte Bowie das Auto eines Dealers und raste anschließend mit über 110 Stundenkilometern durch die Tiefgarage eines Hotels, wobei er schrie, er wolle gegen eine Betonwand fahren. Seinen 30. Geburtstag feierte Bowie ebenfalls ausgelassen mit Iggy und der transidenten Kabarettistin Romy Haag.
Der Beginn der Arbeit: „The Idiot“ und Klangexperimente

Der musikalische Neuanfang von Bowie und Iggy begann bereits vor ihrem endgültigen Umzug nach Berlin. Im Juni 1976 fuhren sie in das Studio Château d’Hérouville nahe Paris, wo Bowie zuvor sein Album „Pin Ups“ aufgenommen hatte.
Dort machten sie sich an Iggys erstes Soloalbum „The Idiot“:
- Die Demos wurden in Frankreich aufgenommen;
- die Arbeiten wurden in den Münchner Musicland Studios fortgesetzt;
- fertiggestellt wurde das Album in den Berliner Hansa-Studios.
Das Album erschien im März 1977, als Bowie und Iggy sich bereits fest in West-Berlin niedergelassen hatten. Für Bowie war „The Idiot“ ein willkommener Testlauf für neue Soundexperimente. Auf dem Album fanden sich Titel wie „Sister Midnight“, „Nightclubbing“, „China Girl“ und „Mass Production“. Bei den Aufnahmen zu „Nightclubbing“ wollte Bowie sogar den einfachen Synthesizer und die Roland-Drum-Machine durch einen echten Schlagzeuger ersetzen, doch Iggy bestand darauf, die Originalfassung beizubehalten. Iggy erinnerte sich später daran, dass sie nach dem Abendessen oft „gesittet betrunken“ Musik machten, auf einem Kinderklavier und Spielzeugtrommeln spielten und sich danach in ihre Zimmer zurückzogen.
„Low“ – das erste Album der Berliner Ära
Die Arbeit an diesem Album dauerte von September bis Oktober 1976: Die Grundaufnahmen entstanden im Château d’Hérouville und wurden in den Berliner Hansa-Studios abgeschlossen. Als kreativer Partner stieß der britische Musiker Brian Eno hinzu, der für seine Experimente mit Elektronik- und Ambient-Musik bekannt war. Sein Einfluss zeigte sich besonders deutlich in der zweiten, fast rein instrumentalen Hälfte der Platte. Als Produzent fungierte erneut der amerikanische Musiker Tony Visconti, der den Eventide Harmonizer einsetzte – ein Gerät, das den Klang des Schlagzeugs revolutionierte und zu einem der markantesten Erkennungsmerkmale des Albums wurde.
In „Breaking Glass“ verarbeitete Bowie ganz direkt seine Erfahrungen mit der Kokainsucht, während „Always Crashing in the Same Car“ auf einen Autounfall in der Schweiz anspielte. Die zweite Seite des Albums schlägt völlig andere Töne an:
- Tony Visconti;
- Brian Eno;
- Robert Fripp.
- https://berlinwallmap.info/bowie-iggy-pop-west-berlin
- https://www.loudersound.com/features/bowie-berlin-trilogy-low-heroes
- https://www.aljazeera.com/features/2025/1/26/bowies-berlin-up-against-the-wall
- https://www.historyextra.com/membership/bowies-berlin-the-city-that-shaped-a-1970s-masterpiece/
- https://www.nme.com/features/iggy-pop-david-bowie-berlin-the-idiot-lust-for-life-reissue-2675970
- https://www.rollingstone.co.uk/music/bowies-berlin-the-locations-behind-the-lyrics-10413/
- https://faroutmagazine.co.uk/david-bowie-iggy-pop-move-to-berlin/
Die Szene eines sich küssenden Paares am Wachturm nannte Bowie über viele Jahre hinweg die Hauptinspiration für das Titelstück „Heroes“. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um Tony Visconti und die Backgroundsängerin Antonia Maass handelte. Bowie hatte die Namen damals verschwiegen, um den verheirateten Produzenten vor privaten Turbulenzen zu bewahren.
Das Album erschien im Oktober 1977. Zu seinen Instrumentalstücken zählten „Moss Garden“ und „Neuköln“, benannt nach dem Berliner Bezirk. Bowie erklärte diese Schaffensphase damit, dass er zunächst eine vollkommen neue musikalische Sprache für sich entdecken wollte, bevor er mit dem Songwriting fortfuhr.
„Lust for Life“ – 8 Tage in den Hansa-Studios

Im April 1977 kehrten die Musiker von der Tournee zu „The Idiot“ zurück, auf der Bowie Keyboard gespielt und Background-Gesang beigesteuert hatte. Mit von der Partie waren Gitarrist Ricky Gardiner sowie die Brüder Tony und Hunt Sales an Bass und Schlagzeug. Fast unmittelbar danach begaben sie sich in die Hansa-Studios und nahmen Iggys neues Album „Lust for Life“ in nur acht Tagen auf und mischten es ab.
Den Titel und das prägnante Riff des Titeltracks erfand Bowie, als er das Morsesignal des US-amerikanischen Soldatensenders AFN (Armed Forces Network) vor der Ausstrahlung der Serie „Starsky & Hutch“ hörte. Ein weiterer Kultsong des Albums, „The Passenger“, entstand inspiriert von Iggys Fahrten mit der Berliner S-Bahn. Er erzählte später, der Text handle zum Teil auch von den endlosen Autofahrten quer durch Europa in Bowies Wagen, da Iggy selbst weder einen Führerschein noch ein eigenes Auto besaß. „Lust for Life“ erschien im August 1977.
„Lodger“ und der Abschied von Berlin

Das dritte Album, das später zum Bestandteil der Berlin-Trilogie erklärt wurde – „Lodger“ –, erschien 1979. Sein Arbeitstitel lautete „Planned Accidents“, und aufgenommen wurde es überwiegend in Montreux und New York. Stilistisch setzte es Bowies Experimente mit Brian Eno und Tony Visconti fort und enthielt mit „Red Money“ eine überarbeitete Version von „Sister Midnight“ aus „The Idiot“. Manche Kritiker argumentieren, „The Idiot“ stehe der Ästhetik Berlins weitaus näher als „Lodger“, doch es waren letztlich „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die als Berlin-Trilogie in die Geschichte eingingen. Bowie selbst bezeichnete diese Musik oft als seine künstlerische „DNA“.
Allmählich distanzierte sich Bowie von Berlin. Er drehte gemeinsam mit Marlene Dietrich den Spielfilm „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (Just a Gigolo). Im Frühjahr 1978 startete er seine Isolar-II-Tournee, die er später als eine der gesündesten seiner Laufbahn beschrieb. In dieser Zeit gelang es ihm, sich weitgehend vom Kokain loszusagen.
1987 und die späte Würdigung

Im Juni 1987 trat David Bowie im Rahmen der „Glass Spider Tour“ in West-Berlin vor dem Reichstagsgebäude auf dem Platz der Republik auf. Die Bühne stand nur wenige hundert Meter von der Berliner Mauer entfernt, und ein Teil der Lautsprecher wurde von den Veranstaltern gezielt in Richtung Ost-Berlin ausgerichtet. Rund 80.000 Menschen verfolgten das Konzert von West-Berlin aus, während sich auch im Ostteil der Stadt Tausende junger Hörer an der Mauer versammelten. Die Volkspolizei der DDR ging gegen sie vor, es kam zu Zusammenstößen. Später wurde dieses Konzert oft als ein Ereignis von großer symbolischer Tragweite für die Menschen auf beiden Seiten der Mauer beschrieben.
Nach dem Tod des Musikers im Januar 2016 twitterte das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland: „Auf Wiedersehen, David Bowie. Du bist jetzt unter Helden. Danke, dass du geholfen hast, die Mauer zu Fall zu bringen.“ Im August desselben Jahres wurde an der Hauptstraße 155, wo Bowie gelebt hatte, eine Gedenktafel der Königlichen Porzellan-Manufaktur mit der Zeile „We can be heroes, just for one day“ („Wir können Helden sein, für einen Tag“) enthüllt. Der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, fand dazu treffende Worte: „David Bowie gehört zu Berlin. David Bowie gehört zu uns.“ Und dem stimmten beileibe nicht nur die Berliner zu.
Quellen:
- Stücke wie „Warszawa“, „Art Decade“, „Weeping Wall“ und „Subterraneans“ kommen fast ohne Worte aus;
- der letzte Track widmete sich den Menschen, die nach dem Mauerbau in Ost-Berlin zurückgeblieben waren.
Für die Plattenfirma RCA Records kam das Album völlig unerwartet. Einer der Manager schlug Bowie sogar vor, einen Nachfolger zu „Young Americans“ aufzunehmen, und bot ihm dafür eine Villa in Philadelphia an. Sein ehemaliger Manager Tony DeFries stellte sich gegen die Veröffentlichung mit dem Argument, diese Musik „klinge nicht nach David Bowie“. Trotz aller Zweifel erschien „Low“ im Januar 1977, kletterte auf Platz zwei der britischen Charts, und die Single „Sound and Vision“ erreichte Platz drei.
Hansa Studios – „Der Saal an der Mauer“

Markierte „Low“ den Auftakt zu Bowies Berliner Periode, so waren es die Hansa-Studios, die seine Musik endgültig mit der deutschen Hauptstadt verschmolzen. Die Berliner Mauer verlief unmittelbar hinter dem Gebäude der Studios; aus den Fenstern blickten die Musiker direkt auf den Todesstreifen, einen Wachturm und Soldaten. Im Sommer 1977 nahm Bowie hier das gesamte Album „Heroes“ auf. An seiner Seite arbeiteten: