Die deutsche Band Rammstein ist selbst denen ein Begriff, die sich nie als Fans harter Musik bezeichnet haben. Schon bei den ersten Akkorden ist sofort klar, um wen es geht. Man kann zu ihrer Kunst stehen, wie man will: Die einen sind begeistert, die anderen üben Kritik. Aber man kann nicht leugnen, dass sich die Musikvideos von Rammstein längst zu einer eigenen Kunstform entwickelt haben. Mehr dazu auf berlintrend.eu.
Die meisten Konzepte wurden von Berliner Regisseuren und Studios entwickelt, viele Szenen an Schauplätzen in der Hauptstadt und im Filmstudio Babelsberg gedreht. Daher dient die deutsche Hauptstadt regelmäßig als unsichtbare, aber kraftvolle Kulisse für die Geschichten von Rammstein.
Rammstein-Videos – Feuer, Dramen und epische Geschichten

Diese Clips sind weit mehr als nur visuelles Begleitmaterial zu den Liedern: Vollwertige filmische Erzählungen mit tiefgründiger Handlung, schauspielerischen Leistungen, gigantischen Kulissen und Spezialeffekten sind längst zum Markenzeichen der Band geworden. Und natürlich darf eines nicht fehlen: Feuer – sehr viel Feuer. Flammen, Explosionen, Pyrotechnik und theatralische Dramaturgie schaffen eine Atmosphäre, die jedes neue Video wie einen echten Kurzfilm wirken lässt.
An den Videos der Band arbeiteten renommierte Regisseure wie Jörn Heitmann, Zoran Bihać, Philipp Stölzl, Hannes Rossacher und Jonas Åkerlund. Gemeinsam mit den Musikern schufen sie jedes Mal nicht einfach nur einen Clip, sondern eine eigenständige visuelle Geschichte, in der Musik, Bilder und Symbole als eine perfekte Einheit wahrgenommen wurden. Es ist jedoch kein Zufall, dass die Band für ihre Dreharbeiten oft Berlin wählte, schließlich wurde sie genau dort im Jahr 1994 gegründet.
„Ich will“ – Wie Rammstein eine Bank mitten in Berlin „ausraubte“

Das Video zu „Ich will“ erschien 2001 und faszinierte die Fans sofort mit seinem mutigen Konzept und der Zusammenarbeit mit echten Polizisten. Die Dreharbeiten fanden teilweise in der Hauptstadt statt, darunter auch Szenen vor dem ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR im Stadtzentrum. Es wurde sowohl in Innenräumen als auch auf der Straße gedreht. Die an der Inszenierung beteiligten Polizisten traten dabei sehr streng auf, was den Aufnahmen eine besondere Authentizität verlieh.
In dem Clip schlüpfte die Band in die Rolle von Bankräubern, wobei jedes Mitglied eine bestimmte körperliche Beeinträchtigung aufwies:
- Till Lindemann humpelte mit einem deformierten Bein;
- Christoph Schneider präsentierte ein künstliches Auge;
- Paul Landers hatte eine Brandwunde im Gesicht;
- Richard Kruspe trug eine Plastikhand;
- Oliver Riedel spielte einen Stummen.
Und die Zeitbombe wurde stolz von Flake Lorenz getragen. Der Handlung zufolge waren die Räuber gar nicht an Geld interessiert – sie drückten selbst den Alarmknopf und traten nach draußen, um sich der Polizei zu stellen. Auf der Straße wartete bereits eine Menschenmenge von Journalisten auf sie, mit denen die Musiker bereitwillig interagierten, was die Aufnahmen noch lebendiger und dynamischer machte.
„Amerika“ – Wie Rammstein die Amerikanisierung der Welt verspottete

Der Clip „Amerika“ wurde 2004 veröffentlicht und zog mit seiner satirischen Konzeption sofort die Aufmerksamkeit von Zuhörern und Kritikern auf sich. Die Dreharbeiten fanden in Rüdersdorf in der Nähe von Berlin auf den Ruinen einer ehemaligen Chemiefabrik statt. Für die Kulissen wurden 240 Tonnen Asche verwendet, und die Raumanzüge lieh man sich direkt aus Hollywood. Genau diese Details machten das Video so eindrucksvoll – eine perfekte Mischung aus Satire, gigantischer Inszenierung und dem für Rammstein typischen provokanten Humor.
Im Video zeigten die Bandmitglieder, wie sich der amerikanische Einfluss bis in die entlegensten Winkel der Erde ausgebreitet hat:
- Buddhisten aßen Hamburger und tranken Cola;
- Angehörige eines afrikanischen Stammes kauten Pizza;
- ein Inder rauchte amerikanische Zigaretten;
- Menschen sangen begeistert mit: „We’re all living in Amerika“.
Die Band trat in der Rolle von amerikanischen Astronauten auf, die auf dem Mond landeten. Dort wurde der US-Einfluss bis ins Absurde gesteigert – sie spielten an amerikanischen Spielautomaten. Am Ende stellte sich heraus, dass diese angebliche Mondlandung nur eine Farce, eine Requisite und eine bloße Studiokulisse war.
„Mein Teil“ – Wie Rammstein die Berliner schockierte

Auch das Musikvideo „Mein Teil“, das 2004 erschien, wurde größtenteils in Berlin gedreht. Da die großen Hallen im Filmstudio Babelsberg durch die Produktion von „Mission: Impossible III“ belegt waren, musste das Team auf die Arena Treptow ausweichen. Dort richtete man in Windeseile ein riesiges Filmstudio ein. In zwei Räumen arbeitete eine 50-köpfige Crew die ganze Nacht hindurch und feilte an jedem einzelnen Bild und den aufwendigen Lichteffekten.
Die Außenszenen wurden am nächsten Tag in der Bismarckstraße nahe der Deutschen Oper gefilmt. Passanten waren sichtlich schockiert, da sie nur einen Teil des Filmteams sahen – ohne die Bandmitglieder – und lange nicht begreifen konnten, was dort eigentlich vor sich ging. Diese unfreiwilligen Reaktionen verliehen dem Clip eine zusätzliche Portion Realismus und Spannung und machten ihn zu einem der bemerkenswertesten Rammstein-Videos.
„Keine Lust“ – Als Rammstein in Limousinen im Berliner Zentrum auftauchte

Das Video zu „Keine Lust“ kam 2005 heraus und überraschte sofort mit seinem unkonventionellen Konzept und der aufwendigen Produktion. Gedreht wurde in der Nähe des Bundeskanzleramts im Zentrum der Hauptstadt. Die Handlung drehte sich um Menschen, die durch innere Leere jegliches Interesse am Leben verloren haben, sodass ihnen nur noch das Träumen übrig blieb.
Die Band präsentierte sich in völlig unerwarteten Looks: Die Mitglieder fuhren in massiven Limousinen vor, begleitet von attraktiven Assistentinnen. Im Clip überfielen die Protagonisten eine Bank, nahmen jedoch kein Geld mit, da ihre Ziele völlig anderer Natur waren. Das Gebäude wurde von Spezialeinheiten und der Presse umstellt, und die Musiker traten ins Freie, während die Hauptfigur – gespielt vom Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz – allein mit einer tickenden Bombe im Gebäude zurückblieb. Dieser Twist gab dem Video eine besondere Schärfe und Dynamik.
„Radio“ – Ein Schwarz-Weiß-Blick auf das Deutschland der Vergangenheit und Gegenwart

Der Clip zu „Radio“ erschien 2019 und zog durch seine markante Ästhetik und Atmosphäre sofort alle Blicke auf sich. Das Video wurde in einer stilvollen Schwarz-Weiß-Optik gedreht, die an das Kino der Mitte des 20. Jahrhunderts erinnerte. Es zeigte das in DDR und BRD geteilte Deutschland der 1950er und 1960er Jahre, als das Radio das wichtigste Massenmedium und zugleich ein Instrument der staatlichen Kontrolle war. Die Rammstein-Mitglieder visualisierten auf subtile Weise die Unterdrückung von Andersdenkenden und das Fehlen von Meinungsvielfalt – Themen, die nicht nur in der Vergangenheit hochaktuell waren.
Gedreht wurde auf dem weitläufigen Gelände der Messe Berlin, direkt neben dem Funkturm. Alle Szenen reproduzierten ein strenges, minimalistisches Interieur, das die Atmosphäre von Kontrolle und Entfremdung unterstrich. Am Ende des Videos verließen die Musiker das Gebäude vor dem Hintergrund von wehenden EU-Flaggen, was den Bildern einen modernen politischen Untertext und symbolische Nuancen verlieh.
„Deutschland“ – Die Geschichte eines Landes in wenigen Minuten

Das Musikvideo zu „Deutschland“ aus dem Jahr 2019 löste sofort eine beispiellose Welle der Diskussion aus. Die Handlung umfasste fast tausend Jahre deutscher Geschichte – von den römischen Legionen bis zur Gegenwart. In den ersten Einstellungen sah man römische Soldaten und eine schwarze Frau, die Germania symbolisierte. Dann katapultierte das Geschehen den Zuschauer ins 16. Jahrhundert, zeigte die Schlacht bei Idistaviso und die brennende Katastrophe des Zeppelins Hindenburg. Zum Schluss verschmolz die Vergangenheit mit der Gegenwart, um zu verdeutlichen, wie untrennbar beides miteinander verwoben ist.
Die Dreharbeiten waren ein echtes Großereignis für die Hauptstadt, da sie den Ausmaßen eines epischen Historienfilms glichen. Die Regie übernahm das Kollektiv Specter Berlin. Innerhalb weniger Tage mobilisierte die Crew Dutzende Schauspieler und Stuntmen und baute gewaltige Kulissen auf, die verschiedene Epochen authentisch nachbildeten. Jede Szene bestach durch eine eigene Atmosphäre und feine Details, die das Werk nicht nur zu einem Musikclip, sondern zu einem gewaltigen visuellen Geschichtspanorama machten, bei dem die Fans jede einzelne Sekunde der Handlung analysierten.
Deutschland – Die Besonderheiten der Dreharbeiten in der Zitadelle Spandau

Ein bedeutender Teil des „Deutschland“-Clips entstand in der Zitadelle Spandau. Diese Ortswahl war absolut logisch, denn diese mächtige Festung aus dem 16. Jahrhundert gehört zu den wenigen Orten im heutigen Berlin, die den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden haben und den reinen Geist der deutschen Geschichte atmen. Lange Zeit war Spandau eine eigenständige Stadt mit einem eigenen Lebensrhythmus und sogar einem eigenen Filmstudio. Im 21. Jahrhundert erzählt das Stadtgeschichtliche Museum Spandau von jenen Zeiten, während die authentischen Mauern und Höfe der Festung eine einzigartige historische Kulisse bieten.
Während der Dreharbeiten in der Festung stand das Team vor der Herausforderung, die alten Gemäuer an hochmoderne Filmtechnik anzupassen. Enge Gänge und massive Steinwände erforderten eine exakte Planung der Kameraperspektiven und der Beleuchtung. Ein beträchtlicher Teil der Requisiten wurde sogar speziell angefertigt, um den unterschiedlichen historischen Epochen hundertprozentig gerecht zu werden. Die Arbeit an einer solch authentischen Location verlieh dem Clip eine bemerkenswerte historische Tiefe, die in einem normalen Studio niemals hätte rekonstruiert werden können.
Rammstein – Von frühen Experimenten zur Familie auf der Bühne
Im Laufe ihrer langen musikalischen Karriere haben die Mitglieder von Rammstein unzählige Herausforderungen gemeistert. Sie begannen mit dem kompromisslosen, sample-lastigen Sound von „Herzeleid“ und „Sehnsucht“ und stiegen auf zum bombastischen Gothic-Industrial auf Alben wie „Mutter“ und „Reise, Reise“. In ihrer umfangreichen Diskografie finden sich aber auch sanfte, extrem berührende Kompositionen, die sich tief in die Herzen der Fans gebrannt haben:
- „Ohne Dich“;
- „Roter Sand“.
Diese Musiker haben stets mutig mit verschiedensten Stilen experimentiert. Richard Kruspe und Till Lindemann starteten parallel eigene, sehr erfolgreiche Nebenprojekte – Emigrate und Lindemann. Die Band veröffentlichte die „Best Of“-Kompilation („Made in Germany 1995–2011“), mehrere spektakuläre Konzertfilme und Dutzende von Musikvideos, von denen die allermeisten für gewaltige Resonanz in den Medien und bei ihrer riesigen Fangemeinde sorgten.
Doch trotz all der stilistischen und visuellen Metamorphosen ist eines unerschütterlich geblieben: Rammstein ist ein eingeschworenes Team aus sechs deutschen Musikern. Abseits der Bühnenlichter führen sie meist ein eher zurückgezogenes Leben, aber sobald sie auf der Bühne stehen, verwandeln sie sich in eine perfekt aufeinander abgestimmte Maschine. Es ist ein lebendiger Organismus aus echten Gleichgesinnten und kreativen Schöpfern, der seine weltweiten Anhänger bis heute mit unbändiger Energie und dem absolut unverkennbaren Sound ihrer Lieder in seinen Bann zieht.
Quellen:
- https://www.bbc.com/russian/other-news-47748869
- https://www.zitadelle-berlin.de/en/fortress/history/
- https://disgustingmen.com/music/kak-nemtsy-zavoevali-mir-razbiraem-fenomen-rammstein-k-vyhodu-ih-novogo-alboma/
- https://www.tip-berlin.de/berlin-besucher/sehenswuerdigkeiten/zitadelle-spandau/
- https://bublik.delfi.ee/statja/8020502/rammstein-snyali-superklip
- https://radioultra.ru/news/rammstein-radio-backstage





