Gustav Gründgens – Verräter oder Genie? Die umstrittene Legende des Deutschen Theaters in Berlin

Viele Rätsel und offene Fragen hinterließ der Zweite Weltkrieg. Besonders im Bereich der Literatur, des Theaters und des Films bleibt oft unklar, ob Künstler als Helden oder Verräter in die Geschichte eingingen. Einer von ihnen ist der herausragende Schauspieler und Regisseur Gustav Gründgens, der als legendärer Mephisto in die Theatergeschichte einging. Eine faszinierende und gleichzeitig umstrittene Persönlichkeit der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts, deren Geheimnisse auch heute noch erforscht werden. Mehr auf berlintrend.eu.

Vom Soldatentheater auf die großen Bühnen

Gustav wurde im Dezember 1899 in Düsseldorf als Gustav Heinrich Arnold Gründgens geboren. Er besuchte zunächst ein Gymnasium und wurde dann in ein katholisches Internat in Mayen geschickt. Nach einem kurzen Versuch, den Beruf eines Kaufmanns zu erlernen, wurde er 1917 zur Infanterie einberufen. Seine erste Schauspielausbildung erhielt er 1919 an der Hochschule für Bühnenkunst in Düsseldorf. Bereits ein Jahr zuvor hatte er sein Talent in einem Fronttheater in Saarlouis unter Beweis gestellt und war dort sogar Leiter des Theaters für Soldaten in Thale.

Nach dem Studium spielte er an Theatern in Halberstadt, Kiel, Berlin und Hamburg. 1924 inszenierte er in Hamburg sein erstes Stück, Anja und Esther von Klaus Mann, das für Furore sorgte. Sein zweites Stück, Kindertheater der Dichter, mit Klaus und Erika Mann in den Hauptrollen, brachte ihm noch mehr Aufmerksamkeit. 1927 erhielt er ein Engagement am Deutschen Theater in Berlin, und nur zwei Jahre später wurde er dort Regisseur.

Die legendäre Rolle als Mephisto

Foto: Gründgens als Mephisto, 1930er Jahre

Nach seinem Erfolg in Hamburg musste Gründgens sich in Berlin erneut beweisen. Er verglich diesen Wechsel mit dem Wechsel von der Abschlussklasse zur sechsten Klasse. Doch er gab nicht auf und erarbeitete sich schnell große Rollen. Seinen ersten großen Erfolg feierte er als Hamlet. Der größte Meilenstein seiner Karriere war jedoch 1932 die Rolle des Mephisto im Faust, die seine Laufbahn entscheidend prägte. Diese Darbietung beeindruckte sogar Hermann Göring, was Gründgens den Zugang zu hohen politischen Kreisen ermöglichte.

Im Jahr 1933 bot ihm Göring die Leitung des Preußischen Staatstheaters an, was er annahm. Gleichzeitig spielte er in den frühen Tonfilmen mit, darunter in M von Fritz Lang und Der Tunnel mit Jean Gabin. 1936 wurde er auf Betreiben Görings Preußischer Staatsrat. Einige Kritiker warfen ihm vor, mit den Nazis zu kollaborieren, doch er widersetzte sich ihren Propaganda-Aufträgen. Seine Inszenierung von Hamlet 1936 missfiel vielen NS-Funktionären, und 1940 lehnte er Rollen in nationalsozialistischen Propagandafilmen wie Jud Süß ab.

Ein Balanceakt zwischen Kunst und Politik

Foto: Gründgens in einer Theaterinszenierung

Was anderen zum Verhängnis wurde, kam Gründgens dank Göring zugute. Das Preußische Staatstheater unterstand direkt dem Ministerpräsidenten und nicht Propagandaminister Joseph Goebbels. Dadurch konnte Gründgens bis 1945 als Generalintendant agieren. Gleichzeitig nutzte er seine Position, um Kollegen vor Verfolgung zu schützen. Er erwirkte Schutzbriefe für sein Ensemble und rettete den bekannten Schauspieler Ernst Busch vor der Hinrichtung – ein Mann, der ihn später selbst retten sollte.

Gründgens tourte in den Jahren 1938 und 1941 durch Berlin und Wien und spielte 1942 vor Wehrmachtstruppen in Norwegen. 1943 meldete er sich plötzlich freiwillig zur Front und wurde Gefreiter in der Division „Hermann Göring“ in den Niederlanden. Göring holte ihn jedoch schnell zurück und entband ihn vom Militärdienst.

Privat war er in zwei Ehen gebunden: zuerst mit Erika Mann, der Tochter von Thomas Mann, später mit der Schauspielerin Marianne Hoppe. Beide Ehen galten als Zweckverbindungen, denn Gründgens war homosexuell. Seine Bühnenphilosophie war klar: Der Schauspieler muss verstehen, was er sagt, der Autor muss wissen, was er schreibt, und der Regisseur muss diesen Zusammenhang garantieren.

Nachkriegszeit und Erfolg in Hamburg

Nach dem Krieg wurde Gründgens von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und verbrachte neun Monate in Haft. Dank der Fürsprache von Ernst Busch, den er während des Krieges gerettet hatte, kam er frei. 1947 kehrte er auf die Bühne des Deutschen Theaters zurück und wurde mit offenen Armen empfangen. Doch er entschied sich, nach Düsseldorf zurückzukehren, wo er für acht Jahre als Generalintendant des Städtischen Theaters und später des Düsseldorfer Schauspielhauses arbeitete. Von 1948 bis 1952 war er Präsident der deutschen Bühnenvereinigung.

1955 zog es ihn nach Hamburg, wo er das Deutsche Schauspielhaus leitete. Seine Inszenierung von Faust aus dem Jahr 1957 wurde als Hamburger Faust weltberühmt. Mit dieser Inszenierung gastierte er 1959 in Moskau und Leningrad, 1961 in New York. 1960 wurde sein Faust sogar verfilmt.

Der letzte Vorhang fällt

Foto: Gründgens als Mephisto, 1957

1963 zog sich Gründgens aus dem Theater zurück. Er erklärte, er habe zu viel gearbeitet und wolle lernen, wie man lebt, bevor es zu spät sei. Im Alter von 63 Jahren begab er sich auf eine Weltreise, die er nicht beenden sollte. Am 7. Oktober 1963 starb er in Manila an inneren Blutungen infolge einer Überdosis Schlaftabletten. Ob es ein Unfall oder Selbstmord war, bleibt unklar. Er wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.

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