Berliner Ensemble – ein prägender Sprechtheater der DDR-Zeit

Unter den bekannten Bühnen der Hauptstadt nimmt das Berliner Ensemble einen besonderen Platz ein. Das traditionsreiche Schauspielhaus wurde bereits 1892 gegründet, doch seinen Ruhm verdankt es vor allem den Inszenierungen von Bertolt Brecht in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach einer längeren Pause öffnete das Theater im Januar 1949 erneut seine Pforten – kurz vor der Teilung Deutschlands in Besatzungszonen. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich zu einem der führenden Theater der DDR. Mehr dazu auf berlintrend.eu.

Die Gründung des Berliner Ensembles

Die Geschichte beginnt im Januar 1892: Der Architekt Heinrich Seeling ließ am Schiffbauerdamm ein Theater im wilhelminischen Neobarockstil errichten. Das Gebäude fiel durch seinen markanten Turm, reich verzierte Fassaden und zahlreiche Skulpturen auf. Der Zuschauerraum war mit Stuck und Figuren geschmückt. Das Haus hieß zunächst „Neues Theater“, die erste Premiere war Gerhart Hauptmanns „Die Weber“. Regisseur Max Reinhardt setzte mit mutigen Klassik- und Moderninszenierungen Maßstäbe – darunter „Ein Sommernachtstraum“, Werke von Maeterlinck und Wedekind.

Reinhardt war es auch, der als Erster die Drehbühne als dramaturgisches Stilmittel einführte. Später widmete er sich dem Stummfilm, gründete eine Theaterschule – das Theater selbst geriet zunehmend in Vergessenheit. Operetten und leichte Unterhaltung dominierten. 1926 übernahm die Volksbühne die Schirmherrschaft.

Die Blütezeit in der Weimarer Republik

Ein Wendepunkt kam 1928, als Bertolt Brecht die Regie übernahm. Gemeinsam mit Kurt Weill brachte er die legendäre Premiere der „Dreigroschenoper“ auf die Bühne – ein Welterfolg und Höhepunkt der Weimarer Theaterlandschaft. Große Namen wie Lotte Lenya, Helene Weigel, Ernst Busch und Peter Lorre sorgten für ausverkaufte Vorstellungen. Noch im selben Jahr musste das Ensemble umziehen – das Gebäude wurde der Volksbühne überlassen. Brechts Truppe fand Zuflucht im Deutschen Theater.

1931 versuchte sich Brecht kurzzeitig an Operetten, doch 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht und forderten „vaterländische“ Stücke. Das Haus wurde in „Schiffbauerdamm-Theater“ umbenannt. Bis 1944 fanden noch Aufführungen statt, dann wurde der Spielbetrieb eingestellt. Erst im Herbst 1948 – Deutschland war noch nicht geteilt, aber in Besatzungszonen gegliedert – nahm das Theater seine Tätigkeit wieder auf.

Der Beginn der Brecht-Ära

Bertolt Brecht – Regisseur, Dramatiker und Theaterdenker – kehrte nach dem Krieg mit seiner Frau Helene Weigel aus dem amerikanischen Exil zurück, staatenlos und mittellos. Im sowjetischen Sektor Berlins fanden sie eine neue Heimat. Brecht stellte ein neues Ensemble aus Schauspielern verschiedener Berliner Bühnen zusammen. Die erste Premiere fand 1949 statt – zunächst im Deutschen Theater.

Das alte Haus am Schiffbauerdamm wurde wieder instand gesetzt. Auf die Rekonstruktion der zerstörten Fassade und des Turms verzichtete man. Für die berühmte Drehbühne mussten Räder sowjetischer T-34-Panzer organisiert werden – mit Hilfe von Helene Weigel. Der Zuschauerraum blieb im Originalzustand erhalten und gilt bis heute als einer der besten in Deutschland.

Das Ensemble spielte vorerst im Deutschen und im Kammertheater. 1950 wurde das „Berliner Ensemble“ offiziell gegründet. Auf dem Spielplan standen fortschrittliche Stücke wie „Mutter Courage“, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ sowie „Wassa Schelesnowa“.

Brechts Repertoire und internationale Erfolge

Die Inszenierungen des Ensembles unter Brechts Regie wurden zu kulturellen Ereignissen. Die Truppe ging auf Tourneen durch die DDR und ins Ausland. Der Umzug ins Haus am Schiffbauerdamm wurde mit „Mutter Courage“ gefeiert – Helene Weigel übernahm die Hauptrolle. Das Stück blieb 12 Jahre lang im Repertoire und wurde in Paris mit dem 1. Preis des Welttheaterfestivals ausgezeichnet.

Von Anfang an dominierten Brechts eigene Stücke das Programm, ergänzt durch Klassiker wie „Urfaust“, „Don Juan“ von Molière oder „Der zerbrochene Krug“ von Kleist. Auch sowjetische Dramatik hatte ihren Platz, etwa „Der Kreml schlägt die Stunde“ von Pogodin oder „Die optimistische Tragödie“ von Wischnewski. Neben Weigel, Busch und Erwin Geschonneck brillierten auch junge Talente wie Angelika Hurwicz und Regina Lutz.

Gastspiele führten das Ensemble 1957 und 1968 in die Sowjetunion – ein Zeichen hoher Anerkennung durch die Parteiführung.

Neue Impulse ab den 1970er Jahren

Obwohl Brecht das künstlerische Herz des Theaters blieb, leitete es offiziell seine Frau Helene Weigel. Die Theorie des epischen Theaters prägte das Haus weit über Brechts Tod hinaus. In den 1970er Jahren übernahm Ruth Berghaus die Leitung. Sie öffnete das Repertoire für europäische Autoren. Das Ensemble hatte großen Einfluss auf die sozialistische Kultur der DDR – und auf die internationale Theaterlandschaft.

Wandel nach der Wiedervereinigung

1992, nach der deutschen Einheit, begann ein neues Kapitel. Der Berliner Senat berief gleich mehrere Regisseure als künstlerische Leiter – Peter Zadek, Peter Palitzsch, Heiner Müller, Fritz Marquardt und Matthias Langhoff. Der renommierte Dirigent Alexander Frey wurde musikalischer Leiter – als erster Amerikaner überhaupt. Zuvor hatten Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau das Musikleben geprägt.

Herausforderungen und Neuausrichtung

Das Theater wurde in eine GmbH umgewandelt, blieb aber durch Subventionen finanziert. 1993 wurde es privatisiert, erhielt aber weiterhin 16 Millionen Dollar jährlich. Das Prinzip der geteilten Leitung funktionierte nicht – 1995 blieb nur Heiner Müller als Direktor im Amt.

Trotz interner Konflikte florierte das künstlerische Schaffen. Junge Regisseure wie Thomas Langhoff und Einar Schleef setzten neue Akzente. Die Inszenierung von Brechts Oper „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle gilt bis heute als eine der besten Produktionen des Theaters. Zum 100. Geburtstag Brechts zeigte das Haus 1988 das gefeierte Stück „Der Flug über den Ozean“.

Rückschläge und Wiedergeburt

Nach dem Tod von Heiner Müller 1995 suchte man fieberhaft nach einer neuen Führungspersönlichkeit. Die Eigentumsfrage verzögerte die Entwicklung zusätzlich. Ein gemeinnütziger Fonds unter Leitung des Dramatikers Rolf Hochhuth wollte das Gebäude erwerben, doch erst nach zähen Verhandlungen konnte ein Neustart gewagt werden.

Im April 1999 endete die Saison vorzeitig, im Januar 2000 fand die erste Premiere unter dem neuen Intendanten Klaus Peymann statt – einem erfolgreichen Theaterleiter vom Wiener Burgtheater. Er brachte frischen Wind ins Haus, öffnete es für neue Publikumsschichten, ohne die Brecht-Tradition zu verleugnen. Seitdem bleibt das Berliner Ensemble eine der wichtigsten Bühnen des Landes. Bis heute reisen Besucher aus ganz Europa an, um die Kunst in diesem legendären Theater live zu erleben.

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