Der Schauspieler Max Ehrlich – Lachen am Rande des Abgrunds

Die Berliner Kabarettisten, diese unermüdlichen Bühnenkünstler, prägten einst den unverwechselbaren kulturellen Rhythmus der Stadt, in der abendliche Ironie und feinsinnige Satire Teil der großen europäischen Geschichte wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstrahlte ein Stern, dessen Namen einst ganz Deutschland kannte: Max Ehrlich, Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur für Theater, Komödie und Kabarett der 1930er Jahre. Seine Auftritte waren in ganz Europa ausverkauft, er teilte die Bühne mit Marlene Dietrich, schrieb Bestseller-Bücher und spielte in Filmen mit, die die Ästhetik der Epoche bestimmten. Weiter auf berlintrend.eu.

Doch hinter dem Glanz der Bühne verbarg sich eine weitaus dramatischere Geschichte. Durch eine seltsame Ironie des Schicksals lachten die Nazis herzhaft über die Witze des berühmten Komikers – und verurteilten ihn dennoch zum Tode. Und als sich sein Leben auf den Stacheldraht eines Konzentrationslagers beschränkte, gelang es Ehrlich, das scheinbar Unmögliche zu vollbringen: dort das beste Kabarett Europas aufzubauen.

Zum Lachen geboren

In der Geschichte von Max Ehrlich lag etwas Symbolisches: Am 7. Dezember 1892 in Berlin zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs geboren, schien er von seinen ersten Tagen an zum Dienst an der Melpomene bestimmt. Im Jahr 1911 trat der junge Mann in die Schauspielschule von Max Reinhardt am Deutschen Theater ein, und bereits ein Jahr später stand er als Diener der Capulets in „Romeo und Julia“ zum ersten Mal auf der Bühne. Danach war es, als hätte jemand die Schleusen geöffnet. Vor dem Ersten Weltkrieg reiste Max mit dem „Märkischen Wandertheater“ und sammelte Schauspielerfahrung. Von 1915 bis 1920 etablierte er sich bereits als brillanter Komiker und Kabarettist im „Spielhaus Breslau“.

Ein neuer Kinostar

In seiner Heimatstadt Berlin feierte Ehrlich Triumphe als Komiker und Conférencier im „Admiralspalast“ in der Revue von Hermann Haller. Das Publikum war begeistert von seinen Nummern im „Kabarett der Komiker“ (KadeKo), im „Corso Cabaret“ und im legendären Varieté „Wintergarten“. 1926 betrat Ehrlich die Welt des Films und debütierte in der Komödie „In der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“ von Reinhold Schünzel. Ihm wurde die Hauptrolle anvertraut, und das war kein Fehler: Ehrlich wurde sofort zu einem der prominentesten Stummfilmschauspieler. Die leichten Filme der 1920er Jahre – „Familientag im Hause Prellstein“, „Die tolle Komtess“, „Die blaue Maus“, „Ihr dunkler Punkt“ – machten ihn bekannt, und die Musikkomödie „Das schwarze Domino“ schloss 1929 die „Stummfilmzeit“ mit der Rolle des Ersten Botschaftssekretärs Leonidas Elfort triumphierend ab.

Doch wie auf der Bühne machte Ehrlich nicht Halt: Er schrieb Zwischentitel, versuchte sich an Drehbüchern. 1928 veröffentlichte er sogar eine Sammlung von Fabeln und Anekdoten über Freunde und Kollegen, „Von A bis Z – Adelbert bis Zilzer“, die ein großer Erfolg wurde. Der Übergang zum Tonfilm war für ihn keine Herausforderung, sondern dank seiner Bühnenerfahrung ein natürlicher Schritt. Richard Oswald lud Max ein, Caesar Grün in dem Film „Wien, du Stadt der Lieder“ zu spielen, wo sich eine Starbesetzung versammelte. Zusammen mit Ernst Neubach schrieb Ehrlich auch das Drehbuch.

Im selben Jahr sahen die Zuschauer Max in „Fokus-Pokus“ in der Rolle des Auktionators Kühnen, und in „Die vom Rummelplatz“ spielte er den Theateragenten Horbes zusammen mit dem Star Anny Ondra. Der talentierte Schauspieler schaffte es auch noch, seine eigenen Schallplatten mit Chansons und Sketchen aufzunehmen, als wollte er den Menschen alles mitteilen, was in ihm brodelte.

Lachen unter Verbot

Doch nach Hitlers Machtergreifung verhängte die nationalsozialistische Ideologie über alle Kabaretts des Landes ein Urteil: Alles, was von Freiheit und Ironie handelte, war zur Vernichtung verurteilt. Max Ehrlich, obwohl er mit Parodien und Humor spielte, hielt sich immer von der Politik fern. Doch das rettete ihn nicht. Im Jahr 1933, als die Nazis die Kontrolle über die Kultureinrichtungen übernahmen, teilte er das Schicksal von 8000 jüdischen Schauspielern, Musikern, Sängern und Regisseuren, die plötzlich ohne Arbeit dastanden. Zusammen mit der Truppe von Rudolf Nelson zog Ehrlich nach Wien – eine Stadt, die noch in der Vorstellung von künstlerischer Toleranz lebte. Doch der Nazischatten hatte sich bereits über die österreichische Hauptstadt gelegt: Der Varieté-Direktor erhielt anonyme Drohungen mit der Forderung, „die Show der Berliner Juden abzusetzen“.

Die Premiere der „Nelson Revue“ versuchte man dennoch durchzuführen, doch nationalsozialistische Aktivisten störten den Auftritt. Vor dem dritten Versuch wurde das Theater von der Polizei umstellt, weshalb die Tournee abgesagt werden musste. Nelsons Kabarett reiste nach Amsterdam, wo Max erneut vor ausverkauften Häusern gefeiert wurde. Doch Ende 1934 beschloss er plötzlich, nach Deutschland zurückzukehren. Dort versprach man ihm Auftritte vor jüdischem Publikum ausschließlich im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds (KuBu). Die Leitung des KuBu bot Ehrlich die Leitung der Kabarett-Abteilung an.

Kulturinsel im Sturm

Doch lange blieb Max nicht in Berlin. Im Juli 1937 reiste er zu einer Tournee nach New York, wo er davon träumte, zusammen mit Freunden ein deutsches Varieté zu gründen. Er wurde dort unterstützt und gebeten zu bleiben, doch die Verantwortung gegenüber dem KuBu und den Kollegen zwang ihn zur Rückkehr. Das kleine Café „Leon“ am Kurfürstendamm wurde zur neuen Zuflucht für Ehrlichs Theater-Kabarett, ein Ort, an dem Berliner Juden, die das Land noch nicht verlassen hatten, wenigstens für kurze Zeit die Angst vergessen konnten. Doch nach der Reichskristallnacht im November 1938 änderte sich alles. Ehrlich erkannte, dass die Emigration unvermeidlich war. Die Tickets für seine beiden Abschiedskonzerte am 2. April 1939 waren blitzschnell ausverkauft – es musste sogar ein drittes hinzugefügt werden. Ein aufrichtiger Dank an den Schauspieler waren die Worte der Zuschauer, dass er den Berlinern geholfen habe, das Lachen nicht zu verlernen.

Ehrlich ging ins Exil in die Niederlande, wo sein alter Freund Willy Rosen das Theater-Kabarett „Die Prominenten“ gegründet hatte. Max wurde dort zu einem der herausragendsten Schauspieler. Die Einrichtung hielt sich strikt an das Prinzip der Apolitik, in der Hoffnung, dass eine solche Neutralität zur Rettung vor Verfolgung beitragen würde. Doch im Mai 1940 wurde das Land von den Nazis besetzt, und der talentierte Schauspieler schaffte es nicht mehr zu fliehen. Max musste im lokalen „Jüdischen Theater“ bleiben – dem holländischen Äquivalent des KuBu, wo Künstler nur vor jüdischem Publikum auftreten durften.

Die letzten Shows am Rande des Lebens

In der Zwischenzeit zog sich der Ring um die talentierten jüdischen Schauspieler enger. Im Jahr 1943 wurde Max zusammen mit Kollegen in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Und dort, hinter dem Stacheldraht, tat er das, was er am besten konnte – er gründete ein Kabarett. Zusammen mit Willy Rosen versammelte er über 50 der besten Schauspieler, die aus Berlin, Wien und Amsterdam dorthin gebracht worden waren. Mit solch einer Truppe wurde das Kabarett Westerbork sofort zum besten in Europa – ein tragisches Paradoxon, das keiner Erklärung bedurfte. In den nächsten anderthalb Jahren wurden unter Ehrlichs Leitung 6 originale Varieté-Shows aufgeführt. Der Lagerkommandant, SS-Obersturmführer Albert Gemmeker, saß ununterbrochen in der ersten Reihe und applaudierte mit aufrichtigem Enthusiasmus. Das Leben jedes Schauspielers hing vom Erfolg des Auftritts ab, weshalb alle ihr Maximum gaben.

Ab 1942 fuhr jede Woche ein Zug mit Häftlingen von Westerbork nach Auschwitz, Sobibor, Bergen-Belsen oder Theresienstadt ab. Gemmeker nahm die Schauspieler seines „Haus“-Theaters lange nicht in diese Listen auf, als wollte er die Illusion der Bühne noch ein wenig verlängern. Doch der letzte Akt war unvermeidlich. Im September 1944 fuhr der letzte Transport von Westerbork den Häftling Nr. 151 – Max Ehrlich – nach Auschwitz. Doch selbst dort erwartete ihn die schrecklichste Prüfung.

Angesichts des Todes

Der berühmte Komiker wurde von einem Hauptsturmführer erkannt, einem ehemaligen Stammgast der Berliner Kabaretts. Und das letzte Konzert von Max fand vor dem SS-Erschießungskommando statt. Ihm wurde befohlen, Witze zu erzählen, bevor er selbst erschossen wurde. Und er schaffte es! Diese Tat ist eines Heldentums würdig, das im Wirbel des Krieges unbemerkt blieb. Aber die höheren Mächte haben es sicherlich in die Tafeln des Mutes eingeschrieben.

Es ist erwähnenswert, dass von den 107.000 Häftlingen von Westerbork weniger als 5.000 den Krieg überlebten. Von Ehrlichs Truppe nur zwei. Auch Ehrlichs Brüder hatten Glück, die es noch nach Havanna, Paris und New York geschafft hatten. Max‘ Ehefrau Charlotte überlebte Auschwitz und lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 in Los Angeles. Die Berliner vergaßen den legendären Komiker Max allmählich. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts fand sein Neffe Alan zufällig das Drehbuch des berühmten Komikers – die letzte Show, die im Juni 1944 in Westerbork aufgeführt wurde.

Im Jahr 2018, zum 70. Jahrestag des Staates Israel, wurde in Jerusalem ein Abend mit Werken veranstaltet, die in Konzentrationslagern geschrieben wurden. Einer der Beiträge war Max Ehrlichs Revue „Absolut verrückt“ – ein Abschiedsecho der Witze des talentierten Komikers, der einst Millionen von Menschen zum Lachen brachte. Es war der letzte Gruß einer Persönlichkeit, die dort lachte, wo Lachen unmöglich war. Max Ehrlich brachte die Feinde tatsächlich vor seiner eigenen Erschießung zum Lachen.

Quellen:

  1. https://holocaustmusic.ort.org/places/camps/western-europe/westerbork/max-ehrlich/
  2. https://www.joodsmonument.nl/en/page/516237/about-max-michaelis-ehrlich
  3. https://www.steffi-line.de/archiv_text/nost_buehne2/02kab_ehrlich.htm
  4. https://www.joodsmonument.nl/en/page/121549/max-michaelis-ehrlich

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