Dora Gerson – von den Nazis zerstörte Schauspielerin des deutschen Stummfilms

Nur wenige Epochen der Filmgeschichte können mit dem Einfluss Deutschlands konkurrieren. Das Kino dieses Landes entstand Ende des 19. Jahrhunderts und erreichte während der Weimarer Republik seine Blütezeit. In dieser Zeit schufen deutsche Filmemacher klassische Filme, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Weltkinos spielten. Zu den ersten Filmschauspielerinnen Deutschlands zählte die Berlinerin Dora Gerson. Ihre Karriere im Stummfilm beschränkte sich auf nur zwei Filme, doch sie machte sich in ihrer Heimat und darüber hinaus als talentierte Sängerin und Theaterschauspielerin einen Namen. Dora hatte noch die Chance, in die Welt des Films zurückzukehren, doch ihr Leben endete während des Zweiten Weltkriegs. Mehr dazu auf berlintrend.eu.

Ein blitzschnelles Filmdebüt

Foto: Plakat des Films „Auf den Ruinen des Paradieses“

Dora Gerson wurde im März 1899 in Berlin in eine jüdische Familie polnischer Herkunft geboren. Ihr voller Name war Dorothea, doch sie war allgemein als Dora bekannt. Sie absolvierte die Max-Reinhardt-Schule, die mehrere Schauspielergenerationen hervorbrachte, und versuchte sich 1919 erstmals auf der Bühne des Theaters „Volksbühne“ in Berlin. Doch das Kino wurde zur Kunst, die Millionen Menschen begeisterte. Die Filmproduktion der Weimarer Republik brachte viele Talente hervor: Lang, Murnau, Pabst. Neben ihnen fand sich auch Platz für weniger bekannte, aber vielversprechende Regisseure wie Josef Stein. Er erkannte das Talent der jungen Dora und lud sie zu einer Rolle im Film „Auf den Ruinen des Paradieses“ ein, der 1920 in die Kinos kam. Die Rolle war zwar klein, doch die Schauspielerin meisterte sie, wie damalige Kritiker lobend feststellten.

Josef Stein nutzte die Gelegenheit und drehte noch im selben Jahr eine Fortsetzung mit dem Titel „Karawane des Todes“. Der Film zog mit seiner Besetzung Aufmerksamkeit auf sich, darunter der ungarische Schauspieler Béla Ferenc Blaskó, der später in den USA als Bela Lugosi, der berühmteste Dracula in der Filmgeschichte, Bekanntheit erlangte. Leider konnten diese Filme in den folgenden Jahren nicht erhalten werden, doch Dora erhielt ihren Anteil an Ruhm.

Neue Rollen auf der Bühne

1922 heiratete Dorothea Gerson den Regisseur Veit Harlan, doch die Ehe hielt nicht lange. Nach zwei Jahren ließen sie sich scheiden. Freunde berichteten, dass Dora eine stolze Jüdin war, während Veit sich zunehmend für die Politik der Nationalsozialistischen Partei begeisterte und den Film „Jud Süß“ drehte, der damals für viel Diskussion sorgte. Im Kino wurde Dora nicht mehr engagiert, doch sie fand ihren Platz im Theater. Sie wurde Teil des „Tingel-Tangel“, gegründet von Friedrich Hollaender, und hatte Erfolg im „Die Rakete“ – einem literarisch-politischen Kabarett von Rosa Valetti – sowie im „Brücke und bei den Wespen“. In den Niederlanden wurde sie von Zuschauern im „Scheveningen Kurhaus“ in Den Haag begeistert aufgenommen. Dora sang Lieder mit Texten von Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Bertolt Brecht. Die größte niederländische Zeitung „De Telegraaf“ bezeichnete sie mehrfach als Chansonnière internationalen Formats.

1931 kehrte Dorothea nach Berlin zurück und wurde ständiges Mitglied des Kabaretts „Die Katakombe“ von Werner Finck, das Adolf Hitler mit feinen, aber bissigen Witzen kritisierte. Die Vergeltung folgte schnell. Im Mai 1935 wurde das Kabarett auf Befehl von Goebbels geschlossen. Finck wurde verhaftet und ins KZ geschickt. Er hatte Glück, dass er dort nur sechs Wochen blieb, da Hermann Göring ihn befreite – lediglich, um einen Konflikt mit dem Propagandaminister zu provozieren.

Auf der Suche nach einem Ausweg

Auch Dora Gerson wurde nicht vergessen. Bereits im August 1932 begann die nationalsozialistische Presse, ihre Bühnenauftritte scharf zu kritisieren und zu verspotten. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen und begannen, deutschen Juden die Rechte zu entziehen, wurde Doras Lage sehr schwierig. 1934 wurde ihr Name aus dem „Filmführer“ gestrichen, der reglementierte, wer im Kino arbeiten durfte. Dora protestierte bei geheimen Veranstaltungen der jüdischen Kulturvereinigung „Kulturbund Deutscher Juden“. Diese Organisation bemühte sich, jüdischen Schauspielern künstlerische Betätigung zu ermöglichen. Dora nahm Lieder in Jiddisch für eine kleine jüdische Schallplattenfirma auf.

Erfolg in den Niederlanden und der Schweiz

Dora Gerson schloss sich einer Gruppe an, die aus Deutschland zu fliehen versuchte. Es gelang ihr, in die Niederlande zu gelangen, wo sie mit Kurt Egon Wolff und Rudolf Nelson das Emigranten-Kabarett „Ping Pong“ gründete. In den Niederlanden feierte sie Erfolge und wurde als Star des jüdischen Emigranten-Kabaretts bekannt. 1934 ging sie auf Tournee in der Schweiz und trat im politischen „Kabarett Cornichon“ auf, das von deutschen Flüchtlingen gegründet wurde. Dora wollte in der Schweiz bleiben, erhielt jedoch keine Erlaubnis und kehrte nach Amsterdam zurück. Dort setzte sie ihre Karriere fort und wurde von der Presse mit Fien de la Mar verglichen. Sie sang Lieder über das vor-nazistische Deutschland wie „Vorbei“ und „Der Rebe Hot Geheysn Freylekh Zayn“, das zu einem Hymnus der europäischen Juden in den 1930er und 1940er Jahren wurde.

Leben in den Niederlanden

1937 heiratete Dora den Unternehmer Max Sluizer. Das Paar hatte zwei Kinder, doch das glückliche Familienleben wurde durch die Nazi-Besatzung der Niederlande zerstört. Im Mai 1940 versuchte die Familie, in die Schweiz zu fliehen, doch sie wurden an der Grenze verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert. Am 14. Februar 1943 wurden Dora, Max und ihre beiden Kinder in der Gaskammer ermordet. Die talentierte Berliner Schauspielerin wurde nur 43 Jahre alt.

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