Berlins Leinwände: Wo man vor dem Zweiten Weltkrieg ins Kino ging

Die Kinos in Berlin – geheime Chroniken einer Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schreiben begannen. Ihre Leinwände spiegelten die Epochen wider, die die Stadt veränderten: von der Romantik des Modernismus bis zu den Schatten der Propaganda. Vom Glanz der Varieté-Panoptiken über gemütliche Säle hinter Ladenfenstern bis hin zu prächtigen Filmpalästen, von denen jeder seinen eigenen Charakter und seine eigene Geschichte hatte. Mehr dazu auf berlintrend.eu.

Selbst später, trotz der Konkurrenz durch Radio, Fernsehen und digitale Plattformen, kamen die Kinos hartnäckig zurück, als ob die Stadt sie nicht loslassen könnte. Und in diesen ständigen Metamorphosen liegt etwas Mystisches. Obwohl die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts modernere Kinos wie das Hard, Arsenal und Kosmos besitzt, ziehen die geschichtsträchtigen Kinosäle mehr an.

Das Licht einer neuen Ära

Foto: Wintergarten Varieté

Die Entstehung der ersten Kinos im Deutschen Kaiserreich war die Geburt einer neuen, rätselhaften Kunst, die noch niemand ganz erfassen konnte, die aber alle sehen wollten. Ende 1895 fand im Varieté „Wintergarten“ die erste Berliner Filmvorführung statt: die Brüder Skladanowsky präsentierten „lebende Bilder“. Max und Emil stellten ihr Bioscop-Gerät vor, das mit zwei Projektoren arbeitete. Sie wählten den „Wintergarten“, weil das Varieté bereits ein Publikum hatte, das für neue Attraktionen offen war, sowie die technischen Möglichkeiten zur Demonstration der ungewöhnlichen Neuheit. Die Filmvorführung wurde Teil des abendlichen Unterhaltungsprogramms, wobei die Filme eher einem Jahrmarktsattraktion ähnelten – kurze Vorführungen, die nur wenige Sekunden dauerten.

Die ersten Eindrücke der Zuschauer waren Überraschung und Begeisterung. Auf der Leinwand flimmerten „Der Boxende Känguruh“ und andere von den Brüdern gefilmte Miniaturen. Beweglich, fragmentarisch, erschienen sie als ein kleines Wunder. Das Publikum empfing die neue Kunst mit lautem Applaus, weil es zum ersten Mal eine reale Bewegung sah, die von einer Maschine erfasst und wiedergegeben wurde. Berliner Zeitungen hoben die Neuheit der Erfahrung hervor, wiesen aber sogleich auf die technische Unvollkommenheit des Geräts hin.

So wurde in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs die Kinokultur geboren – nicht aus Pathos, sondern aus dem aufrichtigen Erstaunen der Menschen, die zum ersten Mal sahen, dass man die Zeit dazu bringen konnte, auf einer Leinwand zu tanzen. Einige Jahre nach diesem Ereignis erschien in der Münzstraße das Theater „Biograf Otto Pritzkow“, bekannt als „Theater der Anomalien und Biografien“. Damals überzeugten sich die Zuschauer, dass das bewegte Bild in der Lage war, mit Theatern zu konkurrieren.

In Erwartung von Wundern

Foto: Theater „Biograf Otto Pritzkow“

Bald darauf begann sich Berlin mit unglaublicher Geschwindigkeit mit neuen Kinos zu füllen, die meisten davon in den Arbeitervierteln. Wenn es 1905 in der Hauptstadt nur 16 Einrichtungen gab, stieg die Zahl bereits 1907 auf 139. Meistens waren es „Ladenkinos“, die Leinwand und Bar kombinierten. Der typische Kintopp wurde in der Hauptstadt äußerst populär. Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nicht nach technischen Wundern streben würde.

Erfinder wetteiferten in Kühnheit, indem sie versuchten, Ton und Bild zu kombinieren. Im Varieté „Apollo“ begleiteten synchronisierte Grammophone die Projektionen von Opernszenen und vermittelten den Zuschauern die Illusion eines lebendigen Orchesterklangs. Und bereits 1913 entstand in Charlottenburg das erste Freiluftkino als Vorbild für zukünftige Sommer-Filmvorführungen. 1915 zählte die Anzahl der Kinos in Berlin bereits Hunderte, und Journalisten verkündeten, dass das Kino zu einem Bedürfnis der Berliner geworden war. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Filmpaläste einer nach dem anderen, gleichsam als Symbole einer neuen Ära – mit luxuriösen Foyers, Spiegeltreppen und Sälen, die über tausend Zuschauer aufnehmen konnten.

Kino in den Jahren der Weimarer Republik

Foto: Kino „Universum“

Diese Zeit nennen Forscher das goldene Zeitalter des Berliner Kinos. Kinobesitzer wetteiferten darum, womit sie die Zuschauer anlocken könnten, und setzten stark auf Luxus und Komfort. Das Berliner Kino Zoo Palast bot über 2000 Plätze, und der prächtige Titania-Palast in Steglitz stand den besten Sälen Europas in seiner Größe in nichts nach. Die Architekten der Kinoindustrie der Weimarer Republik arbeiteten an der Grenze technischer Durchbrüche. Fritz Wilms verwandelte alte Säle in Meisterwerke moderner Architektur: die Berliner Kinos Colosseum, Mercedes-Palast, Turm-Palast, Luna-Palast, Alhambra, Piccadilly.

Eines der prächtigsten Bauwerke der Stadt wurde vom Architekten Hans Poelzig entworfen: 1929 präsentierte er das Berliner Kino Babylon am Bülowplatz (der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße). Im selben Jahr eröffnete das Lichtburg – ein Kulturzentrum der neuen Atlantischen Gartenstadt, erbaut nach dem Entwurf von Rudolf Fränkel. Ihre Seite in der Kinoarchitektur hinterließen Otto Werne, verantwortlich für das Filmtheater am Friedrichshain im neoklassizistischen Stil, und Erich Mendelsohn – der Autor des futuristischen Kinos „Universum“, das moderne Berliner als „Schaubühne“ kennen.

In jenen Jahren wurden Kinos nicht nur zu Orten für Filmvorführungen, sondern auch zum ständig wechselnden Gesicht der Metropole. Sie standen am Scheideweg von Modernität und Träumen, waren festlich und gleichzeitig zugänglich und heimelig. Und in jedem lebte der Glaube, dass das Kino nicht nur unterhalten, sondern auch die Geschichte der Stadt selbst erzählen kann, die sich nie scheute, in die Zukunft zu blicken. Viel Interessantes über die Ereignisse jener Zeit erzählt das moderne Berliner Museum für Film und Fernsehen (Deutsche Kinemathek).

Kinos unter Druck

Foto: Kino „Gloria-Palast“

Als Adolf Hitler im Januar 1933 das Amt des Reichskanzlers antrat, umhüllte der Nebel der Angst schnell auch die Berliner Kinos. Die Kunstwelt, die Freiheit atmete, geriet plötzlich unter Beschuss: Diskriminierung, Enteignung, Verhaftungen und Verfolgungen jüdischer und politisch unerwünschter Filmschaffender. Über 1500 Regisseure, Schauspieler, Drehbuchautoren gingen ins Exil – eine Welle, die dem deutschen Kino Herz und Gedächtnis entzog. Jüdischen Kinobesitzern wurde die Arbeit verboten, und das allgemeine System der Gleichschaltung zog die Schlinge um die gesamte Industrie. Diejenigen, die blieben, mussten Hitler die Treue schwören. So wurde das Kino zu einer weiteren Bühne für politische Unterwerfung.

Doch selbst in dieser erdrückenden Atmosphäre versuchte die Filmindustrie, die Illusion der Unterhaltung aufrechtzuerhalten. Strenge Regeln schützten vor allem „Gefährlichen“, aber die Zuschauer lernten, aus dem Gesehenen ihre Schlüsse zu ziehen. Auf den Leinwänden liefen noch ausländische Filme, sogar amerikanische, bis die USA in den Krieg eintraten. Die Berliner Kinos versuchten zu überleben, so gut sie konnten. Premierenkinos, die zwischen Schöneberg und Tiergarten lagen, empfingen Zuschauer. 1934 entstand am Kurfürstendamm das Astor mit fast 300 Plätzen, und bereits im folgenden Jahr wurde in der Giesebrechtstraße das erste spezialisierte Tonfilmkino Berlins eröffnet – Die Kurbel, das für die Stadtbewohner zu einem kleinen Tempel der neuen Technologie wurde.

Überlebende Zeugen der Vergangenheit

Foto: Kino „Zoo-Palast“

Und dann begann der Zweite Weltkrieg. Die alliierten Bombenangriffe ab 1943 verwandelten viele Kinosäle in Ruinen; einer der größten Verluste für die Stadt war der Gloria-Palast. Und doch arbeiteten erstaunlicherweise viele Berliner Kinos bis August 1944 weiter, als ob sie hartnäckig versuchten, eine Insel der Illusionen inmitten des allgemeinen Chaos zu bewahren. Dennoch war das Ende unvermeidlich: Eine nach der anderen verschwanden diese Einrichtungen. Obwohl einige, wie der Premierenpalast Tauentzienpalast, sogar bis in die letzten Monate des Jahres 1945 durchhielten. Trotz Bränden und politischen Stürmen gelang es jedoch, einen Teil der Berliner Kinos aus jener Zeit als Hüter des städtischen Gedächtnisses zu erhalten.

Im 21. Jahrhundert prahlt das historische Neonschild des Babylon, das bei speziellen Vorführungen wieder zum Leben erwacht. Der Titania-Palast hat viele Rollen gewechselt, aber das Gebäude schmückt weiterhin die Straße. Auch das legendäre Kino Universum (die heutige Schaubühne) mit seiner markanten Silhouette der futuristischen Architektur ist erhalten geblieben. Und Die Kurbel, obwohl oft umgestaltet, ist dennoch als das erste spezialisierte Tonfilmkino der Stadt in die Geschichte eingegangen. Diese Gebäude sind wie ebendige Repliken vergangener Epochen, die daran erinnern, dass Kino in Berlin nicht nur Unterhaltungszentren, sondern auch eine in die Straßen der Hauptstadt eingeschriebene Geschichte ist.

Quellen:

  1. https://www.deutsche-kinemathek.de/de/sammlungen-archive/sammlung-digital/fotografien-zur-berliner-kinogeschichte#:~:text=Ende%201895%20fand%20im%20Variet%C3%A9,hier%20ihre%20%C2%BBlebenden%20Bilder%C2%AB
  2. https://simskultur.eu/wintergarten-variete-in-berlin/
  3. https://colosseum.berlin/colosseum-berlin/geschichte-des-colosseum/
  4. https://www.kinokompendium.de/il_kino_berlin.htm
  5. http://www.allekinos.com/

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