„Babylon“ – Die Geschichte eines „nicht notwendigen“ Berliner Kinos

Am 30. November 1929 gab es in Deutschland genau 5076 Kinos. Allein in der Reichshauptstadt waren bereits 378 Kinos in Betrieb, von denen 105 auch Bühnenvorführungen anboten. Am 11. April 1929 kam ein weiteres hinzu: das „Babylon“ am Bülowplatz im Zentrum Berlins. Dieser Bezirk benötigte eigentlich kein weiteres Kino, da er bereits nahezu vollständig abgedeckt war. Das erste Berliner Kino existierte seit 1909 am Alexanderplatz, und bald folgten weitere an verschiedenen Orten der Stadt. Mehr über die Geschichte dieses „nicht notwendigen“ Kinos im Zentrum Berlins erfahren Sie auf berlintrend.eu.

Personal in roten Uniformen

Das Kino wurde am 11. April 1929 eröffnet. Es verfügte über 1299 Sitzplätze, 19 mehr als das „Capitol“ am Kurfürstendamm im alten Berliner Bezirk Scheunenviertel. Es handelte sich um einen Neubau für Filmvorführungen, dessen Besitzer der erfahrene Spezialist Alfred Lampl war. Das Kino wurde von Leo Chodziesner erbaut und vom talentierten Regisseur Arthur Rupp geleitet. Überraschend war die Gestaltung des Gebäudes: Es hatte eine sehr schmale Fassade zum Platz hin, aber eine beeindruckende Seitenfassade. Nachts leuchtete hier eine Reihe von Bogenlampen und ein drehbares vertikales Schild. Das beleuchtete Wort „Babylon“ war in hellen Farben gehalten, flankiert von roten Säulen.

Der Saal war mit grünen, weichen und bequemen Sitzen ausgestattet – auch auf dem grünen Balkon. Das Personal trug rote Uniformen mit goldenen Verzierungen, während die Platzanweiser hellblaue Uniformen trugen. Das Kino verfügte über eine richtige Theaterbühne ohne Nischen oder geflochtene Böden. Die Vorbühne war 8,25 Meter lang und 8 Meter hoch. Das Gebäude war vollständig mit Heiz- und Lüftungssystemen ausgestattet. Der Bühnenvorhang war glatt, einfarbig und mit verstreuten Lampenglocken verziert, die im gesamten Saal angebracht waren. Es gab spezielle Treppen und Zugänge vom Dach aus, und das Kino wurde von zwei Operateuren betrieben.

Eine pompöse Eröffnung

Die Eröffnung des Kinos am 11. April 1929 wurde mit einer beeindruckenden Inszenierung gefeiert. Höhepunkt war eine Performance, bei der lebende Statuen das Wort „Babylon“ formten. Ein 16-köpfiges Orchester unter der Leitung von Pasquale Perris spielte zunächst, gefolgt von der feierlichen Einweihung der Philips-Orgel. Die Zuschauer applaudierten unermüdlich und bewunderten die zahlreichen prächtigen Blumen im Vestibül. Sie drängten sich vor den Süßwarentischen, auf dem Balkon, im Foyer, im Automatenrestaurant oder in der Lounge-Bar.

Besonders beeindruckte die größte deutsche Kinoorgel mit ihren zahlreichen Geräuschen und Klängen: das Hufgeklapper von Pferden, Autohupen, Telefonklingeln und Feueralarme. Diese Geräusche wurden von Spezialisten erzeugt, die in gläsernen Kabinen arbeiteten, die zu Tonfilmstudios umgebaut worden waren.

Am selben Tag der Eröffnung hielt Harry M. Warner, Präsident der Hollywood-Studios Warner Bros., im eleganten Berliner Hotel „Esplanade“ eine Rede über die Zukunft des Tonfilms und die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Amerika auf diesem Gebiet.

Keine Premieren

Bereits 1929 widmete die Fachzeitschrift „Deutsche Instrumentenbau-Zeitung“ dem „Babylon“ einen Abschnitt in ihrer Ausgabe.

Das „Babylon“ war von Anfang an nicht als Premierenkino konzipiert. Premieren fanden 1929 und später weiterhin im Westen der Stadt am Nollendorfplatz statt. Einer der Gründe für die Ignoranz gegenüber dem neuen Kino am Bülowplatz könnte seine geografische Lage gewesen sein. Nach der damals etablierten Tradition wurden Premieren im Osten der Stadt nicht durchgeführt. Aus Angst vor geringer Zuschauerresonanz und kritischen Stimmen zögerten Verleiher, Premieren im „Babylon“ abzuhalten. Es gab jedoch einige Ausnahmen, die wahrscheinlich auf den Mangel an freien Kinos im Westen zurückzuführen waren.

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